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CORONA INTERVIEW: 

          von: Stefan Genrich


Plötzlich läuft Weiterbildung virtuell
Interview mit Karin Steiner – Niederlassungsleiterin Köln

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Die Pandemie hat die Leistungen von ATV und Ihre eigene Arbeit auf den Kopf gestellt – wann glaubten Sie zum ersten Mal, dass so etwas geschehen könnte?

Seit Anfang März haben wir mehr und mehr Medienberichte verfolgt. Wir haben mit jedem weiteren Tag gesehen, dass der schlimmste Fall eintreten könnte, dass wir keinen Präsenzunterricht durchführen dürfen. Deshalb haben wir uns auf den Tag X vorbereitet.

Was unternahm ATV, bevor irgendjemand die künftigen Vorschriften kannte?

Die ATV arbeitet schon lange mit »Office 365« und »Teams« von Microsoft. So führen wir Interviews über diese Plattform oder tauschen uns in Videokonferenzen aus – allerdings bis März nicht so häufig. Wir überlegten, wie wir auf virtuellen Unterricht umstellen können und wie uns diese Tools helfen. An den Planungen waren alle ATV-Standorte und natürlich die Geschäftsleitung beteiligt. Die ATV führte Probeschulungen über »MS Teams« durch, um die Möglichkeiten zu testen. Am Wochenende vom 14. und 15. März zeichnete sich ab, dass ab dem 17. März kein Präsenzunterricht möglich ist. Dann brauchten wir nur noch EDV-Zugänge für die einzelnen Teilnehmenden anzulegen.


Was erlebten Sie an dem Wochenende in Köln, als die Richtlinien gegen das Coronavirus veröffentlicht wurden?

An diesem Wochenende war ich in permanentem Austausch mit der Geschäftsleitung. Zeitweilig war nicht sicher, ob wir den Unterricht überhaupt umstellen mussten. Trotzdem beschlossen unsere Geschäftsführer am Samstag, alle Teilnehmenden der Lehrgänge in »MS Teams« anzulegen und die ATV auf den deutschen Lockdown vorzubereiten. Wie gewohnt, trafen am Montag in Köln die Seminargruppen mit ihren Dozentinnen und Dozenten zusammen. An diesem Tag ging es besonders turbulent zu.


Turbulent in welcher Form?

Alle kamen an diesem Tag bis auf weiteres zum letzten Mal zusammen. Eine merkwürdige Stimmung verbreitete sich. Ich ging in die Seminare und besprach die Lage mit den Anwesenden. Dabei legte ich Wert auf klare und offene Kommunikation. Die ATV wusste selber nicht genau, was passieren würde: Bekommen wir weiter Geld von den Arbeitsagenturen? Wird das virtuelle Training anerkannt? Wie reagieren Seminar-Teilnehmende darauf? Wollen manche sogar den Kurs abbrechen?


Konnten Teilnehmende wählen, ob sie aufgeben oder an Ihrer Weiterbildung festhalten wollten?

Wir haben Teilnehmenden freigestellt, ob sie den Lehrgang fortführen möchten oder nicht – denn sie hatten sich bewusst für ein Präsenzseminar entschieden. Die Resonanz war ausgesprochen positiv. Alle wollten weitermachen. Dank der vollen Unterstützung konnten wir das neue Konzept sofort umsetzen.


Was geschah weiter an diesem Montag in Köln?

Eine Mitarbeiterin bereitete Laptops zur Ausgabe vor. Spontan kam ein zusätzlicher Trainer in die ATV, um Teilnehmende auf den virtuellen Unterricht vorzubereiten. Das hat alles super geklappt. Wir benachrichtigten Personen, die an diesem Montag abwesend waren. Ich übergab die letzten Laptops an einer Autobahnraststätte, selbstverständlich mit reichlich Abstand – somit konnten tatsächlich alle Teilnehmenden am Dienstag loslegen.


Welche Aufgaben erledigte ATV in den Tagen nach Veröffentlichung der Corona-Richtlinien?

Wir stellten sicher, dass mindestens immer ein Mitglied des ATV-Teams für technischen Support zur Verfügung steht. Einige Trainerinnen und Trainer haben bereits umfangreiche Erfahrungen im virtuellen Unterricht und entsprechende Qualifizierungen. Diese unterstützten wiederum ihre Kolleginnen und Kollegen. Alle übernahmen eigene Aufgabenpakete: Sammeln von Informationen, Austausch mit den Arbeitsagenturen und Jobcentern, Kontakte zum Zertifizierer, und natürlich die interne Kommunikation. Videos zum Umgang mit der Technik und Prozessbeschreibungen entstanden. Viele Dokumente, Weisungen sowie Abklärungen mit Behörden wurden zentral von München aus gesteuert. Wir mussten gesetzliche Anforderungen wie Datenschutz, Nutzungsrechte für Skripte und das Verbot von Aufzeichnungen des Unterrichts neu regeln und dokumentieren.

Alles lief reibungslos?

Die Aufgabenteilung, Agilität sowie hohe Flexibilität aller Beteiligten haben uns geholfen, die Aufgaben zu bewältigen und Probleme zu überwinden. Es gab einige überraschende Herausforderungen. Einmal stellten Handwerker kurz versehentlich den Strom ab: Blackout im Lockdown. Später belastete uns der Ausfall unseres Internet-Anschlusses. Letztlich haben wir alle Pannen bewältigt. Bei virtuellem Unterricht ist die Abhängigkeit von der Technik deutlich höher als beim Präsenzunterricht.


An welche Ereignisse denken Sie gerne?

Es war ein tolles Teamerlebnis. Standortübergreifend hat es das gesamte ATV-Team geschafft, innerhalb weniger Tage eine komplett andere Unterrichtsform auf den Weg zu bringen. Mit ATV-Team meine ich alle – auch unsere Trainerinnen, Trainer und Coaches.
Ab und zu schalte ich mich zum Unterricht hinzu. Uns interessiert natürlich, wie die Seminare verlaufen und ob wir Dinge optimieren können. Es gab lustige Zwischenfälle – wenn etwa plötzlich eine Katze über die Tastatur der Trainerin lief. Oder ein Hund versuchte, über die Tischkante hochzuspringen – wollte er ins Bild kommen? Kleine Kinder hielten ihre Bilder in die Kamera: Guckt doch mal, ich male hier gerade! Kleine Ereignisse lockern die Seminare auf und zeigen nebenbei, wie die Krise unseren Alltag verändert.
Im Seminar »Certified Project Manager« wurden erstmalig die Abschlusspräsentationen virtuell abgehalten, mit sehr guten Ergebnissen. Beim virtuellen Kursabschluss hingegen fehlte mir schon der feierliche Rahmen mit persönlicher Zertifikatsübergabe und Sektumtrunk. So haben wir nur die Gläser in die Kamera gehalten.


Wie halten Sie Verbindung mit den Arbeitsagenturen und den Behörden?

Wir haben von Anfang an gehofft, dass die Arbeitsagenturen die Kosten für die laufenden Weiterbildungsmaßnahmen weiter übernehmen, sofern natürlich weiterhin Unterricht stattfindet. Inzwischen ist dieses Problem gelöst. Vom Zertifizierer erhielten wir eine sogenannte Äquivalenzbescheinigung, die wir den zuständigen Arbeitsagenturen übermittelt haben. Dagegen bleibt die Unsicherheit, ob die Agenturen neue Bildungsgutscheine und Coaching-Gutscheine AVGS ausstellen. Interessierte müssen in den Agenturen aktiv den Wunsch auf Coaching oder Weiterbildung ansprechen. Nur wer gezielt danach fragt, hat Aussichten, einen Bildungsgutschein oder AVGS zu erhalten. In der zuständigen Arbeitsagentur – beziehungsweise bei Arbeitslosengeld II im Jobcenter – wird geprüft, ob die Voraussetzungen für eine geförderte Weiterbildung vorliegen. Wir führen mit allen Interessierten vorab ein unverbindliches Beratungsgespräch, momentan telefonisch oder per Videochat.


Welche Reaktionen von Arbeitsagenturen bleiben Ihnen in angenehmer Erinnerung?

Verantwortliche einiger Arbeitsagenturen – insbesondere aus kleineren Städten – haben die Bildungsträger ihrer Region angeschrieben: Die laufenden Kurse und Maßnahmen sollten keineswegs wegen Corona enden, hieß es. Es wurde um Rückmeldung gebeten, was wir kurzfristig für Menschen tun können, die in dieser Krise eine geförderte Beratung oder Qualifizierung benötigen. Diese Anfrage hat mich gefreut, da wir als Bildungsorganisation mit den Agenturen ein gemeinsames Ziel verfolgen: Weiterbildung zur Sicherung des Arbeitsplatzes beziehungsweise zum Wiedereinstieg in den Job.


Wie nutzen Sie Ihre Vernetzung mit anderen Bildungsträgern?

Wir sind Mitglied in der Qualitätsgemeinschaft Berufliche Bildung Region Köln. Diese Qualitätsgemeinschaft hat stellvertretend für 120 Bildungseinrichtungen offene Fragen gesammelt und den Verantwortlichen in den Agenturen vorgetragen. In einer Videokonferenz mit der Agentur für Arbeit Köln und dem Jobcenter Köln konnten die meisten Fragestellungen diskutiert werden. Möglichkeiten wurden vorgestellt, während der Kurzarbeit eine Weiterbildung zu besuchen.

Wie hat sich der Unterricht durch die Einschränkungen verändert?

Es ist anstrengend, den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu sitzen. Man erkennt nicht mehr die Körpersprache der Teilnehmenden und sieht lediglich den kleinen Kameraausschnitt. Die Technik transportiert nicht so deutlich die Mimik. Darüber hinaus bieten Präsenzunterricht und persönliches Coaching bessere Chancen, dauerhafte Kontakte zu knüpfen. Es findet ein intensiverer Austausch satt. Gruppenmitglieder unterstützen sich gegenseitig, essen zusammen in der Mittagspause, pflegen das Gemeinschaftsgefühl und tragen Verantwortung füreinander. Viele kommen in mein Büro, um über ihre Bewerbungssituation zu sprechen oder einfach nur zu quatschen und dabei ins Süßigkeitenglas zu greifen. Das fehlt sehr!
Dennoch werden wir bewerten, welche positiven Effekte die Krise hervorbringt. Sicherlich werden wir virtuelle Einheiten in den künftigen Präsenzunterricht einschließen. Im Rahmen der Seminare »Certified Project Manager« und »Business Management 4.0« wird ohnehin bereits digitales Arbeiten und Management 4.0 unterrichtet.


Was ist im Laufe der Zeit in Ihrem eigenen Arbeitsalltag anders geworden?

Bis Mitte März waren in Köln meistens drei Mitarbeiterinnen zu unseren Bürozeiten anwesend. Jetzt treffen wir uns lediglich an einem Tag der Woche im Büro. Dabei achten wir natürlich auf reichlichen Abstand. Aktuell ist die ATV Köln täglich mit einer Mitarbeiterin besetzt. Die anderen arbeiten im Homeoffice. Oft musste ich die Seminarplanung überarbeiten. Interaktive Workshops und manche Prüfungen lassen sich nicht einfach in die virtuelle Welt übertragen. Deshalb habe ich diese Einheiten in den späten Mai verschoben – in der Hoffnung, dass dann wieder Präsenzunterricht stattfindet. Mache ich mir da etwas vor? Egal, denn die Trainerinnen und Trainer transformieren gerade diesen Unterrichtsstoff: Sollte die ATV Ende Mai immer noch auf Präsenzunterricht verzichten müssen, wechseln wir auch hier auf eine virtuelle Variante.


Was hoffen oder erwarten Sie für die Zukunft?

Wir werden in der Lage sein, weiter virtuell zu unterrichten. Aber wir können nahtlos wieder in den Präsenzunterricht einsteigen oder eine Mischform wählen. Was wir nicht wissen: Werden demnächst Bildungsgutscheine sowie Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine fürs Coaching kommen – oder nicht? Im Mai und im Juni sollen Kurse an verschiedenen Standorten der ATV starten. Für das Kölner Life-Science-Seminar ab 2. Juni haben sich schon genügend Interessierte angemeldet, um das Seminar sicher zu starten: Immerhin sind ihnen mündlich die Bildungsgutscheine zugesichert worden. Für sämtliche Seminare freuen wir uns auf weitere Anmeldungen. Wir hoffen, dass interessierte Kunden zeitnah ihre Bildungsgutscheine erhalten. Etwas Planungssicherheit in Corona-Zeiten ist für alle schön.